Männerwochenende, Freitag bis Montag: Der Wolf, mein Sohn und ich.
Die Damen des Hauses sind ausgeflogen oder frönen dem Studium. Klingt nach maximaler Freiheit, bedeutet für mich in der Realität aber vor allem: Gnadenlos frühes Aufstehen und im Zweifel der schmerzhafte Verzicht auf WM-Spiele. Warum? Weil der Sommer mit Temperaturen um die 35 Grad jongliert. Das gebietet Hunderunden zu absoluten Randzeiten. Speziell dann, wenn man wie mein haariger Begleiter – nennen wir ihn ehrfürchtig „den Wolf“ – mit einem permanenten Ganzkörper-Pelz ausgestattet ist.
Klarer Vorteil des Ganzen: Die 10.000-Schritte-Marke wird schon vor dem ersten Kaffee pulverisiert.
Gefühlt war das heute die wärmste Nacht des Jahres. Wenn wir Männer „alleine“ sind, bleiben konsequent alle Türen offen. Der Wolf residiert im Sommer standesgemäß auf dem Balkon im ersten Stock, genießt aber die uneingeschränkte Reisefreiheit durchs Haus. Ich bilde mir zumindest ein, dass ihm dieser Hauch von Luxus gefällt.
Kleines Essay: Bimmel, Bimmel
Wo viel Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten – oder in diesem Fall: Lärm. Da meine Balkontür sperrangelweit offen steht, lässt der örtliche Glöckner (heute wohl eher eine erbarmungslose Zeitschaltuhr) der katholischen Kirche das Tal pünktlich um sechs Uhr morgens mit dröhnendem Gebimmel erzittern. Man fragt sich ja insgeheim: Ist das im 21. Jahrhundert eigentlich noch zeitgemäß?
Bei uns im Ort gibt es ein vietnamesisches Lokal in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gotteshaus. Wenn dort das Geläut losschlägt, kapituliert jegliche Konversation. Man kann eigentlich nur noch schweigend nicken. Dort zu wohnen, muss die absolute Endstufe sein.
Obwohl, es gibt eine Steigerung: Unseren Nachbarn. Dessen Dauerschwafelorgan erreicht zwar nicht ganz die Dezibelstärke der Kirchenglocken, dafür trainiert er seinen mündlichen Diarrhö bis zu 12 Stunden täglich. Mit Vorliebe natürlich während der gesetzlichen Ruhezeiten.
Aber jetzt kommt der eigentliche Clou: Das epische Klingen der katholischen Glocken (die evangelischen lässt er übrigens links liegen) animiert das Pelztier vor meinem Schlafzimmer, beherzt und aus voller Kehle in ein waschechtes Wolfsgeheul einzustimmen. Ein unschätzbarer und völlig CO₂-neutraler Beitrag zur Energiewende – einen Wecker braucht in diesem Haushalt jedenfalls kein Mensch mehr.
Hier eine Gesangsprobe:
--- Ende Essay ---

Da mit den Damen auch unser hundetaugliches Familienauto außer Reichweite ist, muss mein treuer Begleiter mit der Rückbank meines Arbeitsautos vorliebnehmen. Er nimmt es wie ein Profi: Keinerlei Beschwerden, tadelloses Benehmen.

An diesem Morgen sind wir hitzebedingt trotzdem recht spät dran. Gegen 8:30 Uhr erreichen wir den Parkplatz.

Soweit es die Geografie zulässt, wählen wir die Schattenroute durch die Wälder oder hangeln uns an altem Obstbaubestand entlang.


Auf einer Wiese stapft ein Storch herum, offensichtlich auf der Suche nach dem morgendlichen Snack. Der Wolf findet das gefiederte Etwas logischerweise äußerst faszinierend. Ohne die Schleppleine wäre er vermutlich schon längst im Tiefflug Richtung Wiese unterwegs gewesen. Ich versuche dem Begleiter die Natur zu erklären: „Schau, das ist ein Vogel. Und Vögel schwingen sich im Zweifel sowieso in die Lüfte, bevor du da bist.“


Die logische Argumentation scheint ihm einzuleuchten. Wir können unsere Runde ohne diplomatischen Zwischenfall fortsetzen.

Zum Finale wartet leider noch ein ziemlich sonniges Teilstück auf uns. Heute scheint die Hitze ausnahmsweise mir mehr zuzusetzen als dem felltragenden Kollegen.



Kurz vor der rettenden Autotür heißt es: Zwangsbremsung. Wir müssen in sicherer Entfernung abwarten, da von links und rechts diverse Langschläfer-Tierhalter mit einer ganzen Armada von Hunden um unser Gefährt herumschleichen. Da es sich vornehmlich um Plattnasen handelt – eine Rasse, die der Wolf auf seiner Sympathieskala recht weit unten einsortiert –, beobachten wir das Treiben lieber passiv, bis sich die Kollegen endlich aus dem Staub gemacht haben.
Es ist für mich immer wieder faszinierend, in welch meditativem Zeitlupentempo sich manche Zeitgenossen fortbewegen. Von „Laufen“ oder „Gehen“ kann da oft keine Rede mehr sein; es ist eher ein mühsames Dahinvegetieren im öffentlichen Raum.

Auf der kurzen Rückfahrt wundere ich mich über die Karawanen an Menschen, die sich erst jetzt aus den Federn gequält haben, um ihren Vierbeinern den nötigen Auslauf zu verschaffen. Alles Amateure. Denn für die Hunde ist es zu dieser Uhrzeit eigentlich schon längst viel zu heiß.