A Nod's As Good As A Wink...To A Blind Horse

Buch: Karl Ove Knausgård - Arendal 👍🏻👍🏻

Die Geschichte spielt im Jahr 1976 und dreht sich um Syvert Løyning. Auf dem Rückweg von einer Geschäftsreise zu seiner Familie – seiner Frau Evelyn und seinen zwei kleinen Söhnen – hat sein orangefarbener Opel Ascona mitten im tiefsten, norwegischen Winter eine Panne. Er strandet in der eiskalten Küstenstadt Arendal. Das Meer und die Fjorde sind so dick zugefroren, dass Autos das Eis befahren können.

Knausgard-Arendal

Während der Gestrandete nachts ziellos durch die Straßen wandert, bricht die Vergangenheit über ihn herein. Die Wartezeit in dem Küstenort dehnt sich aus, Syvert leiht sich ein Auto, trinkt heftig, betäubt sich mit Wagner-Musik und verliert zunehmend den Halt. Er gerät in einen tiefen inneren Konflikt: Soll er dem Ruf seines Herzens und der Sehnsucht nach dieser absoluten Liebe folgen, oder soll er die Verantwortung für seine Familie tragen?

Der Roman verknüpft das Motiv des Eises und der Dunkelheit im winterlichen Norwegen mit der inneren Erstarrung eines Mannes, der an einer existenziellen Weggabelung steht. Gleichzeitig schwingen im Hintergrund (typisch für die Morgenstern-Reihe) mystische Untertöne mit: Es gibt Erzählungen über Geisterschiffe, unheilvolle Träume der Kinder und das omnipräsente Gefühl, dass die Schicht zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten im Kosmos dünner wird.

Ich gebe zu, dass ich ein großer Fan von Knausgård bin – jedes Jahr freue ich mich von Neuem auf den aktuellen Morgenstern-Band. Arendal hat nicht das thrillerartige Tempo des direkten Vorgängers »Die Schule der Nacht« (ein absoluter Höhepunkt der Reihe), stattdessen setzt der Autor auf eine dichte, melancholische Stimmung. Beide Bücher kann man dabei problemlos einzeln lesen, man ist nicht auf Vorwissen aus den vorherigen Bänden angewiesen. Besonders gefallen mir die übernatürlichen Einsprengsel, die im Hintergrund »lauern« und auf deren Auflösung ich gespannt bin (was hat es mit der Rückkehr aller Toten auf sich?).

Das Werk ist nichts für typische Krimi- oder Thriller-Konsumenten. Mit knapp unter 400 Seiten ist es für einen Knausgård ein geradezu schlankes Heftchen – ich habe das Buch an einem Wochenende gelesen und muss leider wieder ein Jahr auf eine Fortsetzung warten.

Als die ungelesenen Seiten zur Neige gingen, habe ich mich gefragt, wie der Autor die Arendal-Geschichte wohl zu Ende bringen wird. Aus meiner Sicht hat er es brillant gelöst und den latenten Wankelmut der Hauptfigur perfekt einfließen lassen.

Ich habe mir fest vorgenommen, dass ich mir spätestens, wenn die Morgenstern-Reihe beendet ist, alle Bände der Reihe nach noch einmal zu Gemüte führen werde. Mal sehen, wann es soweit ist. Auf jeden Fall landet Arendal ganz vorn in meiner jährlichen Bestenliste.

👍🏻👍🏻

Das Bild zeigt meine persönliche Hardcover-Ausgabe.

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